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Das aktuelle Marktgeschehen im Blick
Mittwoch, 02.09.2026
von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank
DAX büßt 800 Punkte ein – Anleihen sorgen für Nervosität
Die Querelen am Anleihemarkt sind nicht vorüber. Der steile Renditeanstieg wirkt wie ein Schock auf dem Parkett, und der DAX büßt in zwei Tagen gut 800 Punkte ein. Märkte kommen in der Regel gut mit einer allmählichen Anpassung des Zinsniveaus klar. Erfolgen die Anpassungen aber derart ruckartig wie in den letzten Tagen, breitet sich die Nervosität schnell aus. Sollte sich die Dynamik am Anleihemarkt weiterhin so ungebremst fortsetzen, kann das schnell zu einer Entwicklung führen, die dem September als schwächstem Börsenmonat des Jahres alle Ehre macht.
Stimmung der Hoffnungslosigkeit macht sich breit
Die Situation ist gegenüber gestern unverändert: Im Epizentrum der Sorgen stehen neue Kampfhandlungen im Irankonflikt und die damit einhergehenden Anstiege der Energiepreise, aber auch Hinweise darauf, dass die amerikanische Notenbank bald handeln könnte, um etwas gegen die hohe Inflation zu tun. Neu ist, dass sich Anleger immer mehr eingestehen müssen, dass derzeit niemand weiß, was die dynamisch steigenden Gaspreise und Renditen aufhalten soll. Kurzfristig macht sich auf dem Parkett eine gewisse Stimmung der Hoffnungslosigkeit breit.
Zinsruck kommt am breiten Markt an
Der jüngste Anstieg der Renditen belastet den Ausblick für die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Bei einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 im S&P 500 Index, das auf ein Gewinnwachstum von 25 bis 30 % angewiesen ist, ist es verständlich, dass Anleger nervös werden. Die Messlatte hängt hoch, der Raum für Enttäuschungen ist klein: Der Zinsruck ist damit endgültig am breiten Markt angekommen.

Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Zuvor war er zehn Jahre lang bei einem Broker in Frankfurt tätig und ist Mitgründer der stock3 AG, deren Aufsichtsratsmitglied er bis heute ist. Für die Kunden der Consorsbank teilt er seit November 2025 seine Börsenerfahrung von fast einem Vierteljahrhundert.
Rechtliche Hinweise
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Es sind große Begriffe wie Zeitenwende, NATO-Ziel, Drohnenkrieg und Sondervermögen – aber trotzdem fallen die Kurse im Rüstungssektor. Auch KI ist kein Garant mehr für Kursgewinne. Beide Entwicklungen sind verwandt und deuten auf einen potenziell ruppigen Spätsommer an der Börse hin.
Denn beide Entwicklungen haben dieselbe Ursache: Anleger haben Aktien aus den Sektoren Rüstung und KI gekauft, ohne kritische Fragen zu stellen. Das ging gut, solange die Kurse stiegen. Jetzt ist Sand im Getriebe der Kursentwicklung, und die Fragen werden lauter.
Dabei geht es ursächlich nicht unbedingt um die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung. Die Industriezweige Rüstung und KI werden sich voraussichtlich weiterhin stark entwickeln. Was sich verändert hat, ist die Anlegerstimmung. Die Kurse steigen an der Börse immer so weit, bis die Erwartungen den tatsächlichen Entwicklungen ungefähr entsprechen.
An diesem Punkt fangen die Anleger dann an, zunehmend kritische Fragen zu stellen. Einfach nur die Erwartungen zu erfüllen, scheint dann zu wenig. Nur ein sehr positiver Soll-Ist-Abgleich in den Bilanzen zählt. Aber auch nur, wenn die Anleger selbst im Geschäftsausblick kein sprichwörtliches Haar in der Suppe finden.
Aus einem steilen Kursanstieg kann auf diesem Weg eine Seitwärtsbewegung werden, oft begleitet von hohen Kursschwankungen. Auch eine Korrektur ist dann nicht mehr ausgeschlossen, wenn die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt werden.
Zum Hinterfragen hoher Bewertungen gehört auch der Ausblick auf die Zinsen für den Rest des Jahres. Ob die Zentralbanken die Leitzinsen erneut anheben, ist von der weiteren Entwicklung der Inflation abhängig. Zweitrundeneffekte, also erneute Preissteigerungen, lassen sich wegen der gestiegenen Energiepreise als Folge der Irankrise nicht ausschließen. Werden die Zinsen weiter angehoben, verringern sie den heutigen Wert zukünftiger Unternehmensgewinne und treffen daher insbesondere Wachstumsaktien, deren Erträge überwiegend in der Zukunft erwartet werden.
Die Anleger müssen nun also abwägen: Haben die großen Indizes MSCI World oder FTSE All World, die seit Jahresbeginn bereits prozentual zweistellig angestiegen sind, schon genug Fantasie eingepreist? Oder könnten die anstehenden Börsengänge von Anthropic und den chinesischen Konkurrenten DeepSeek und Moonshot vielleicht neuen Schwung an die Börse bringen?

